Lilith in der Astronomie und Astrologie

Wie bei Rahu (nördlicher Mondknoten) haben wir es auch bei Lilith nicht mit einem Himmelskörper zu tun. Es gibt keinen Felsen, keinen Gasriesen, kein Staubkorn am Himmel, auf das wir zeigen und sagen könnten: „Das ist Lilith.“ Und doch ist sie astronomisch präzise definiert – vielleicht sogar eleganter als mancher sichtbare Planet.

Der Mond umkreist die Erde nicht auf einem perfekten Kreis, sondern auf einer Ellipse – einer leicht gestauchten, ovalen Bahn. Jede Ellipse hat zwei Brennpunkte. Die Erde sitzt in einem dieser Brennpunkte – aber nicht im Zentrum. Das bedeutet: Der Abstand zwischen Mond und Erde verändert sich ständig.

  • Am Perigäum ist der Mond der Erde am nächsten – etwa 356.500 km. In den Medien wird dieser Punkt gerne als „Supermond“ popularisiert, wenn er mit einer Vollmondphase zusammenfällt.
  • Am Apogäum ist der Mond von der Erde am weitesten entfernt – etwa 406.700 km. Hier erscheint er kleiner und blasser am Himmel.

Die Verbindungslinie zwischen Perigäum und Apogäum heißt die Apsidenlinie der Mondbahn. Sie teilt die Ellipse in ihre Längsachse.

Was genau ist das Mond-Apogäum?

Das Apogäum ist schlicht der erdfernste Punkt der Mondbahn. In der Astrologie hat sich für diesen Punkt der Name Lilith eingebürgert – genauer: Schwarze-Mond-Lilith (Black Moon Lilith), um sie von anderen „Liliths“ zu unterscheiden (dazu gleich mehr).

Aber es gibt eine Komplikation: Die Mondbahn ist kein ruhiges, unveränderliches Oval. Sie wird durch die Gravitationseinflüsse der Sonne, der Planeten und durch die nicht perfekt kugelförmige Gestalt der Erde ständig gestört und verformt. Das Apogäum springt und wandert, mal schneller, mal langsamer, in einer unregelmäßigen Zickzack-Bewegung durch den Tierkreis.

Wahres vs. mittleres Apogäum – die Berechnung nach Koch/Astrodienst

Hier kommt die für Astrologen entscheidende Unterscheidung:

  • Das wahre (oszillierende) Apogäum berücksichtigt alle diese Störungen und gibt die tatsächliche, momentane Position des erdfernsten Punktes an. Seine Bewegung ist extrem unregelmäßig – es kann an einem einzigen Tag mehrere Grad vor- und zurückspringen und wird sogar gelegentlich rückläufig.
  • Das mittlere Apogäum hingegen glättet die kurzfristigen Schwankungen mathematisch heraus. Es beschreibt eine weitgehend gleichmäßige Vorwärtsbewegung des Apogäums mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 40 Bogenminuten pro Tag. Im Unterschied zum wahren Apogäum, das extrem unregelmäßig springt, bewegt sich das mittlere Apogäum deutlich ruhiger – doch auch hier können gemäß den Koch’schen Ephemeriden gelegentlich rückläufige Phasen auftreten. Diese sind kürzer und seltener als beim wahren Apogäum, aber sie existieren – und geben der astrologischen Deutung eine zusätzliche Nuance: Lilith ist eben auch in ihrer gemittelten Form kein brav voranschreitender Punkt, sondern bewahrt etwas Widerspenstiges, Unberechenbares.

Der Astrodienst in Zürich – die weltweit führende Plattform für astrologische Berechnungen – verwendet in seinen Standardberechnungen das mittlere Apogäum, wie es im Anschluss an die Arbeiten des deutschen Astrologen Dieter Koch (des langjährigen Entwicklers der Swiss Ephemeris) berechnet wird. Koch hat in seinen technischen Arbeiten zur Swiss Ephemeris die exakte mathematische Grundlage für die Berechnung sowohl des wahren als auch des mittleren Apogäums gelegt und die diesbezügliche Berechnungsmethodik präzisiert.

Die mittlere Lilith, wie sie bei Astrodienst standardmäßig angezeigt wird, ist also eine mathematisch gemittelte Position – ein idealisierter Punkt, der das langfristige Verhalten der Mondbahn-Apsis beschreibt, befreit von den kurzfristigen Störschwankungen.

Wichtiger Hinweis: Wir haben die Formeln von Koch nachgebaut und berechnen Lilith selbst, verwenden also weder die Ephemeriden noch die Software von Astrodienst. Wir haben aber unsere Berechnung gegen die Ephemeriden von Koch abgeglichen, unsere Berechnung ist bis auf Tausendstel Bogensekunden identisch. Die winzigen und völlig vernachlässigbaren Unterschiede unserer Daten zu Koch sind nur Rundungsfehlern geschuldet bzw. beruhen auf unterschiedlichen Repräsentationen der Double-Variablen für die trigonometrischen Funktionen.

Der Umlauf

Das mittlere Mond-Apogäum durchwandert den gesamten Tierkreis in etwa 8 Jahren und 10 Monaten (ca. 3.233 Tage). In jedem Zeichen verweilt Lilith ungefähr neun Monate – eine Zahl, die symbolisch Veranlagte sofort aufhorchen lässt.

Der zweite leere Brennpunkt

Es gibt noch ein weiteres Detail, das die astronomische Poesie von Lilith vertieft: Die Erde steht in einem Brennpunkt der Mondellipse. Im anderen Brennpunkt steht – nichts. Absolute Leere. Und das Apogäum ist genau jener Punkt der Mondbahn, der diesem leeren Brennpunkt am nächsten liegt. Lilith zeigt also in die Richtung der maximalen Leere, des maximalen Abstands, der maximalen Nicht-Greifbarkeit.

Dieser geometrische Sachverhalt hat die astrologische Deutung zutiefst geprägt: Lilith als Prinzip der Leere, der Verweigerung, des Entzugs.

Begriffsklärung: Die verschiedenen Liliths

Um Verwirrung zu vermeiden: In der Astrologie kursieren mehrere Himmelsfaktoren unter dem Namen „Lilith“:

  1. Schwarze-Mond-Lilith (mittleres Apogäum) – das ist unser Thema hier: der geometrische Punkt, den wir gerade besprochen haben.
  2. Oszillierende/Wahre Lilith (wahres Apogäum) – derselbe Punkt, aber ohne mathematische Glättung.
  3. Asteroid Lilith (1181 Lilith) – ein tatsächlicher Kleinplanet im Asteroidengürtel, 1927 entdeckt.
  4. Dunkler Mond Lilith (Waldemath) – ein hypothetischer zweiter Erdmond, dessen Existenz nie bestätigt wurde und der heute als widerlegt gilt.

Wenn Astrologen heute ohne weiteren Zusatz von „Lilith“ sprechen, meinen sie in der Regel die Schwarze-Mond-Lilith als mittleres Apogäum – und genau diese ist Gegenstand unserer Deutung.


Lilith in der Astrologie: Die Wildnis der Seele

Lilith ist in der Astrologie ein vergleichsweise junger Faktor. Während die Mondknoten seit Jahrtausenden gedeutet werden, hat die systematische astrologische Arbeit mit dem Mond-Apogäum erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtig begonnen – maßgeblich vorangetrieben durch französische Astrologen wie Dom Néroman und Jean-Paul Michon, später durch Joëlle de Gravelaine und im deutschsprachigen Raum durch eine Reihe von Astrologen, die das Thema psychologisch vertieft haben.

Der Name selbst ist Programm: Lilith – die erste Frau Adams in der jüdischen Mythologie, die sich weigerte, sich zu unterwerfen, die aus dem Paradies floh, die zum Nachtdämon erklärt wurde, die mit Schlangen und Eulen dargestellt wird. Ein Urbild der ungezähmten weiblichen Kraft, der Verweigerung gegenüber Fremdbestimmung, der dunklen Weiblichkeit, die sich nicht in patriarchale Ordnungen fügt.

Die große Symbolik: Leere, Verweigerung, Wildnis

Die astronomische Natur von Lilith – ein leerer Punkt, der in die Richtung maximaler Erdferne und maximaler Leere zeigt – spiegelt sich in ihrer astrologischen Grundbedeutung:

  • Leere und Entzug: Lilith zeigt im Horoskop einen Bereich an, in dem wir eine fundamentale Leere erleben – ein Nicht-Bekommen, ein Nicht-Erfülltwerden. Hier ist etwas, das sich nicht füllen lässt, nicht greifen, nicht besitzen.
  • Verweigerung und Autonomie: Lilith steht für die radikale Verweigerung, sich Erwartungen zu beugen. Hier sagt die Seele ein kompromissloses Nein – zur Anpassung, zur Unterwerfung, zur Selbstverleugnung.
  • Wildnis und Instinkt: Lilith repräsentiert die ungezähmten, vorzivilisatorischen Schichten der Psyche – den reinen Instinkt, die animalische Weisheit des Körpers, die Sexualität jenseits gesellschaftlicher Normierung, die Wut, die sich nicht domestizieren lässt.
  • Tabu und Faszination: Wie Rahu hat auch Lilith eine magnetische, obsessive Qualität – aber während Rahu nach vorn in unbekanntes Terrain drängt, zieht Lilith hinab in die Tiefe, in das Verdrängte, das Tabuisierte, das Beschämte.

Lilith im Licht der Tiefenpsychologie C.G. Jungs

Wenn es einen astrologischen Faktor gibt, der geradezu nach jungianischer Deutung verlangt, dann ist es Lilith. Ihre Symbolik berührt mehrere der zentralsten Konzepte Jungs.

Lilith und die Anima/der Animus

In Jungs Modell der Psyche steht die Anima (im Mann) bzw. der Animus (in der Frau) für die gegengeschlechtliche Seelenanteile – für das innere Bild des Weiblichen bzw. Männlichen, das sowohl Brücke zum Unbewussten als auch Quelle von Projektion und Verwicklung ist.

Lilith verkörpert astrologisch das, was Jung die dunkle Seite der Anima nannte: nicht die liebliche, beziehungsbereite, mütterliche Anima, sondern die wilde, verschlingende, sich entziehende Anima – die Frau, die nicht erreichbar ist, die Hexe, die Verführerin, die Unnahbare. In der jungianischen Bildwelt: nicht Maria, sondern die Schwarze Madonna, nicht die treue Gattin, sondern Lilith, die in die Wüste flieht.

Für Männer zeigt Lilith im Horoskop oft den Bereich an, in dem die Anima-Projektion am intensivsten und am schwierigsten ist – wo sie von Frauen zugleich fasziniert und verstört werden, wo das Weibliche in seiner nicht-domestizierten Form auftaucht.

Für Frauen zeigt Lilith den Bereich an, in dem sie sich vom kollektiven Frauenbild radikal emanzipieren – oder in dem sie mit jenen Aspekten ihrer eigenen Weiblichkeit ringen, die von der Gesellschaft als bedrohlich, unangemessen oder „zu viel“ empfunden werden.

Lilith und der Schatten

Noch deutlicher als bei Rahu ist Lilith ein Schattenfaktor im jungianischen Sinne. Aber es ist ein spezifischer Schatten: der Schatten des Triebhaften, des Kreatürlichen, des Vor-Rationalen. Hier lagern die Anteile der Psyche, die wir als „primitive“, „unkontrollierte“ oder „beschämende“ Impulse abgespalten haben – und die doch eine enorme vitale Kraft in sich tragen.

Jung betonte, dass der Schatten nicht nur das Negative enthält, sondern auch ungelebtes Gold: schöpferische Energie, die durch Verdrängung brachlegt. Genau dies ist die Dynamik von Lilith. Wo immer sie im Horoskop steht, gibt es einen Bereich, in dem immense Kraft gespeichert ist – die aber nur zugänglich wird, wenn der Mensch bereit ist, durch die Schicht der Scham, der Angst und des Tabus hindurchzugehen.

Lilith und das Selbst: Die Verweigerung als Individuation

Hier liegt einer der faszinierendsten Aspekte der jungianischen Lilith-Deutung: Ihre Verweigerung ist kein bloßer Trotz, keine neurotische Rebellion. Sie ist – im besten Fall – ein Ausdruck des Selbst, das sich weigert, in eine falsche Form gepresst zu werden.

Jung beschrieb den Individuationsprozess als einen Weg, auf dem das Ich lernen muss, den Erwartungen der Persona (der sozialen Maske) und den Forderungen der Gesellschaft gegenüber ein inneres Nein zu formulieren – nicht aus Destruktivität, sondern aus Treue zum eigenen Wesen. Lilith ist das astrologische Symbol dieses Nein. Sie markiert den Punkt, an dem die Seele lieber die Wüste wählt als den goldenen Käfig – lieber die Einsamkeit als die Selbstverleugnung.

Das mythologische Urbild ist genau dies: Lilith verlässt das Paradies nicht, weil sie das Böse wählt, sondern weil sie sich weigert, sich einem Arrangement zu unterwerfen, das ihre Wesensart verleugnet. Sie geht – und wird dafür dämonisiert. Die jungianische Perspektive rehabilitiert sie: Ihre Flucht ist ein Akt der Individuation.

Lilith und das Numinose

Wie Rahu hat auch Lilith eine Verbindung zum Numinosen – aber es ist ein anderes Numinoses. Wo Rahu das Numinose der Zukunft ist, des noch nicht Erlebten, ist Lilith das Numinose der Tiefe – des Uralten, Archaischen, Chthonischen. Es ist die Begegnung mit dem, was die Religionswissenschaftlerin Rudolf Otto als mysterium tremendum et fascinans beschrieb: das Heilige, das zugleich erschreckt und unwiderstehlich anzieht.

Im Horoskop zeigt Lilith den Ort, an dem diese Art von numinoser Erfahrung möglich ist – Erfahrungen, die die gewohnte Ordnung des Ich erschüttern und in Kontakt mit Schichten der Psyche bringen, die älter sind als das Bewusstsein.


Lilith in der Revisionistischen Astrologie Thomas Rings

Thomas Ring hat Lilith in seinem Hauptwerk „Astrologische Menschenkunde“ nicht in derselben systematischen Weise behandelt wie die klassischen Planeten – was historisch nicht überrascht, da die astrologische Lilith-Deutung sich erst nach Rings produktivster Schaffensphase voll entfaltet hat. Dennoch bietet Rings methodischer Ansatz ein hervorragendes Instrumentarium, um Lilith zu verstehen – und einige seiner Grundgedanken lassen sich direkt auf sie anwenden.

Die Leere als Wesenselement

Rings Astrologie denkt in Polaritäten und Spannungsfeldern. Er verstand das Horoskop nicht als Sammlung positiver und negativer Faktoren, sondern als ein Kraftfeld, in dem gerade die Spannungen und Widersprüche das Lebendige ausmachen.

Lilith als leerer Punkt fügt sich in dieses Denken konsequent ein: Sie repräsentiert eine Leerstelle im Wesensganzen – nicht als Defizit, sondern als strukturell notwendige Offenheit. So wie ein Musikstück seine Pausen braucht, so braucht die menschliche Wesensgestalt ihre Leere, ihre Unausgefülltheit, ihren Nicht-Ort. Lilith markiert den Bereich, in dem das Leben sich dem Zugriff des ordnenden Willens entzieht – und genau dadurch Raum schafft für etwas, das jenseits des Planbaren liegt.

Instinkt und Lebensgrund

Ring legte großen Wert auf die Leiblichkeit und Instinkthaftigkeit des Menschen. In seiner Zuordnung der Planeten betonte er immer wieder, dass die sogenannten „niederen“ Funktionen – Trieb, Instinkt, körperliches Empfinden – nicht minderwertiger sind als Geist und Vernunft, sondern deren notwendiges Fundament bilden.

Lilith fügt sich hier als Faktor ein, der auf die tiefste Schicht des Instinkts verweist – auf eine Körperintelligenz und Triebweisheit, die der bewussten Steuerung vorausgeht. In Rings Sprache: Lilith gehört zum Lebensgrund, zu jener Schicht des Menschseins, die sich nicht rationalisieren und nicht sozialisieren lässt, ohne dass etwas Wesentliches verloren geht.

Wesenserfüllung durch Nicht-Anpassung

Rings Konzept der Wesenserfüllung – die Entfaltung der im Horoskop angelegten Wesensgestalt in konkretes Leben – bekommt durch Lilith eine besondere Färbung. Denn Lilith zeigt einen Bereich, in dem Wesenserfüllung gerade nicht durch Anpassung an gesellschaftliche Normen gelingt, sondern durch den Mut, nicht-angepasst zu bleiben.

Ring warnte zeitlebens vor einer Astrologie, die den Menschen in Schubladen presst und ihm sagt, wie er sein soll. Lilith radikalisiert diese Warnung: Sie markiert den Punkt, an dem jede Normierung zur Selbstverstümmelung würde. Hier muss der Mensch seinen eigenen Weg finden – jenseits aller Vorbilder, jenseits aller Rezepte.

Die Begegnung mit dem Nicht-Integrierbaren

Ein letzter, für Ring charakteristischer Gedanke: In seiner phänomenologischen Herangehensweise war Ring sich immer bewusst, dass es im Menschen Bereiche gibt, die sich der vollständigen Integration widersetzen – die fremd bleiben, die dunkel bleiben, die sich dem Verstehen entziehen. Ring war kein Optimist der Ganzheit im naiven Sinne; er wusste um das Abgründige.

Lilith steht für genau dieses Abgründige: Sie ist der Faktor im Horoskop, der daran erinnert, dass der Mensch sich nie vollständig durchsichtig wird – dass es eine Wildnis in der Seele gibt, die bewohnt, aber nie vollständig kartographiert werden kann. Die Aufgabe ist nicht, diese Wildnis zu roden, sondern einen lebendigen Umgang mit ihr zu finden – sie zu achten, ihr Raum zu geben, sich von ihr berühren zu lassen, ohne sich in ihr zu verlieren.


Synthese: Die Poetik der Leere

Astronomisch ist Lilith eine Leerstelle – der erdfernste Punkt einer elliptischen Bahn, die Richtung eines leeren Brennpunkts, ein Ort, an dem sich nichts befindet außer der maximalen Distanz. Und doch: Gerade diese Leere ist von überwältigender symbolischer Kraft.

C.G. Jung hätte in Lilith das Urbild der dunklen Anima erkannt, den Schatten des Weiblichen, der zugleich Schrecken und Verheißung birgt – und die kompromisslose Stimme des Selbst, die sich nicht domestizieren lässt. Die Begegnung mit Lilith ist, jungianisch gesprochen, eine Katabasis – ein Abstieg in die Tiefe, aus dem der Mensch verwandelt zurückkehrt, wenn er den Mut hat, der Dunkelheit ins Auge zu sehen.

Thomas Ring hätte Lilith als Ausdruck jenes Lebensgrundes verstanden, der sich nicht sozialisieren lässt – als Punkt der radikalen Nicht-Anpassung, an dem die Wesensgestalt ihre wildeste und freieste Form behauptet. In Rings Denken ist Lilith die Erinnerung daran, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Rollen – dass es in ihm einen Bereich gibt, der unverfügbar bleibt und der gerade darin seine Würde hat.

Was beide – Jung und Ring – uns lehren, ist dies: Lilith ist nicht der Feind. Sie ist nicht das Böse, nicht die Destruktion, nicht das Chaos um des Chaos willen. Sie ist die Wächterin einer inneren Wahrheit, die sich nicht beugt. Wer sie dämonisiert, wiederholt den Fehler der alten Mythen. Wer sie integriert – so weit das überhaupt möglich ist –, gewinnt Zugang zu einer Kraft, die ungezähmt und gerade deshalb zutiefst lebendig ist.

Denn am Ende ist es die Leere, die den Raum schafft. Ohne die Leere zwischen den Noten gäbe es keine Musik. Ohne die Leere des Apogäums gäbe es keine Ellipse – nur den langweiligen perfekten Kreis. Und ohne Lilith in der Seele gäbe es keine Wildnis, kein Geheimnis, keine Tiefe.

Nur den goldenen Käfig. Und den hat Lilith bekanntlich verlassen.

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